Erfahrungsbericht aus Italien

Wer an Sizilien denkt, hat die Vorstellung einer idyllischen Insel mit traumhaften Stränden, pittoresken kleinen Städtchen und sehr freundlichen Menschen.

Jan Steller

Ich kann das Bild nur bestätigen. Meine anfänglichen Bedenken, dass es aufgrund sprachlicher Hindernisse schwierig sein würde, Kontakte zu knüpfen, waren völlig überzogen. Sizilianer sind sehr offen, neugierig, hilfsbereit und vor allem geduldig. Ich wurde sehr oft und schnell eingeladen und am schwierigsten ist noch immer meine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass auch ich einmal die Rechnung übernehme … Es stimmt auch, dass die Italiener es ruhiger angehen lassen. Alles dauert etwas länger, man nimmt sich Zeit und redet gern und viel. Nur das Vorurteil der Faulheit und des Müssigganges kann ich nicht bestätigen. Auch und gerade weil die Wirtschaftskrise hier besonders gravierende Ausmasse annimmt (sehr hohe Arbeitslosigkeit und Armutsraten, kaum soziale Absicherungen), versucht jeder irgendwie Arbeit zu finden. Sei es über persönliche Kontakte, die hier eine besonders wichtige Rolle spielen, oder durch die Gründung einer kleinen Unternehmung.

Die Landschaft Siziliens ist tatsächlich sehr idyllisch und für einen wie mich, der nicht das Glück hat in Deutschland in einer Hafenstadt zu leben, sind die wunderschönen Strände und das Meer besonders anziehend.

Wenn man an Sizilien denkt, kommt einem natürlich auch die Mafia sofort in den Sinn. Von mafiösen Tätigkeiten habe ich als Fremder noch nie direkt etwas mitbekommen. Die Sizilianer leben nicht in ständiger Angst vor Mafiamorden oder einem neuen Mafiakrieg und man spricht ganz offen über dieses Thema. Korruption und Stimmenkauf stellen aber tatsächlich ein großes, womöglich sogar existenzielles Problem für die Insel dar. Klientelwirtschaft wird aber auf Sizilien nicht ausschliesslich von der Mafia betrieben. Ein Kollege verriet mir zuletzt, dass seiner Meinung nach die Mafia längst im Norden, in den Finanzzentren Italiens und Europas aktiv sei, weil es hier ohnehin nichts mehr mehr zu holen gäbe.

Ich möchte jedem empfehlen, die Möglichkeit eines europäischen Auslandsprogrammes zu nutzen, auch wenn ich natürlich weiss, dass ein solcher Schritt zunächst gewaltig erscheint. Die grosse Chance besteht darin, andere Lebensweisen kennenzulernen, Verständnis für andere Standpunkte zu entwickeln und weit über den eigenen Tellerrand, der von aussen noch ein wenig eingeschränkter erscheint, zu schauen. Gleichzeitig lernt man eine andere Sprache, verbessert berufliche Fähigkeiten und es nützt dem Selbstbewusstsein!